Alles passiert heute in der Cloud – oder zumindest werden wir dazu aufgefordert, alle Dateien hochzuladen. Doch ist das so sinnvoll? Und dann noch mit den «Standard»-Apps? Damit du die Cloud selbstbestimmter nutzen kannst erfährst du hier
- die Cloud eigentlich nur Computer sind, die anderen gehören und woanders stehen,
- mit welchen Lösungen du freier und datenschutzfreundlicher Dateien synchronisieren kannst und
- wie du entscheidest, was in die Cloud gehört – und was nicht.
Nimm dir ein wenig Zeit – zum Beispiel an einem Digital Independence Day – und befreie deine Daten aus dem Goldenen Käfig. Los geht’s!
Die Computer anderer Leute
Die Cloud – die Wolke – klingt nach einem sehr flüchtigen Ort, weit weg von allem Bodenständigen auf der Erde. In Wirklichkeit besteht «die Cloud» auch nur aus Computern. Diese Computer sind auch nicht viel anders als dein Laptop oder auch dein Smartphone – nur, dass sie nicht bei dir zuhause stehen und nicht dir gehören. Und das wiederum bedeutet, dass jemand anderes als du die Kontrolle darüber hat. Und diese Kontrolle bedeutet häufig auch, dass diese Personen die Daten, die du in der Cloud speicherst, theoretisch auch lesen (und bearbeiten) können. Nur in Ausnahmefällen – wenn alles verschlüsselt ist – ist das im Allgemeinen nicht möglich. Ich betreibe selber eine Cloud und habe daher einen gewissen Einblick, was als Administrator möglich ist.
Das Vertrauen
Bei der Auswahl «deiner» Cloud solltest du dir dessen bewusst sein. Es bedeutet nämlich, dass du denjenigen vertrauen musst, auf deren Computer du deine Daten speicherst. Du solltest der Cloudanbieterin vertrauen können, dass – erstens – du jederzeit auf deine Daten zugreifen kannst, zweitens keine Unbefugten Personen Zugriff haben und dass drittens die Befugten Personen tatsächlich nur auf eine Art und Weise auf deine Daten zugreifen, die für dich in Ordnung ist.
Ersteres (Erreichbarkeit) hängt von viele Faktoren ab, z.B. Zuverlässigkeit der Systemadministratoren, Finanzierung der Betreiber und (leider) auch geopolitische Machtspiele. Das Zweite (Datensicherheit) lässt sich unter anderem mit guten Sicherheitseinstellungen und regelmässigen Updates auf Seiten des Betreibers und mit starken Passwörtern und der Aktivierung von Zwei-Faktor-Authentisierung auf Seiten der Nutzer:innen – also auch von dir! – positiv beeinflussen. Für das Letzte (Datenschutz) wiederum kommt es darauf an, was für dich wichtig ist. Datenschutzerklärungen geben an, was mit deinen Daten passieren kann und mit welchen z.B. 862 «Partnern» sie geteilt werden. Ich persönlich möchte jedenfalls nicht alle meine Bankdaten, privaten Bilder und generell mein Verhalten «geteilt» und analysiert haben.
Die Voreingestellten
Beim Android-Smartphone ist es die Google Cloud, bei Windows ist es OneDrive, bei Apple die iCloud. Sie sind meist bereits installiert und aktiviert. Und da du beim erstmaligen Start ein Konto anlegen musst, kannst du auch die Cloud gleich nutzen. Die ersten Gigabyte sogar gratis. Das ist sehr bequem und funktioniert häufig technisch auch gut. Vor allem bei Google, aber auch immer mehr bei Microsoft und Apple beruht das Geschäftsmodell (zumindest teilweise) auf der Auswertung der Daten der Nutzer:innen. Welche Werbung du ausgespielt bekommst, hängt vom gerade hochgeladenen Foto ab. Wie teuer das Angebot ist, hängt vielleicht sogar von deinem aktuellen Kontostand ab. Und was die KI dir antwortet, leitet sich zum Teil von allem ab, was du je in die Cloud hochgeladen hast. Für mich ist das nicht der richtige Weg, daher hier:
Die Alternativen
Auch hier gibt es wieder wundervolle Alternativen, die quelloffen sind und daher von Fachpersonen untersucht werden können. Und die von Unternehmen oder Organisationen hergestellt werden, die andere Geschäftsmodelle haben. Sie sind also nicht auf deine Daten und deren Verkauf angewiesen. Auch hier gibt es wieder diverse Angebote, von denen ich dir drei empfehlen möchte, die ich auch selber (für unterschiedliche Zwecke) im Einsatz habe: Nextcloud, Syncthing und ein privater Heimspeicher.
Nextcloud
Nextcloud ist zunächst mal eine Software, die von der Nextcloud GmbH mit Sitz in Stuttgart, Deutschland, entwickelt wird. Du kannst aber nicht direkt dort ein Konto erstellen. Dafür brauchst du noch eine:n Betreiber:in. Nextcloud ist Partnerschaften mit einigen Unternehmen eingegangen. Aus ihrer Liste der «Service Provider» kannst du dir z.B. eines in deinem Land aussuchen, in vielen Fällen für ein paar Tage testen und dich dann endgültig entscheiden. Beim Digitalen Independence Day gibt es ebenfalls ein passendes «Wechselrezept» und auch Mike Kuketz empfiehlt dieses Vorgehen in seiner Serie über Nextcloud. Dort findest du auch noch weitergehende Infos, um dich mit der Nextcloud vertraut zu machen. Oder auch für den Fall, dass du selber eine Instanz betreiben möchtest.
Übrigens: wir bei Digitales Empowerment betreiben unsere eigene Nextcloud-Instanz. Bisher für uns und ein paar Freunde und Verwandte, aber wir überlegen, diesen Service auch öffentlich anzubieten. Hättest du Interesse, unsere Cloud zu nutzen? Super, dann melde dich gerne bei uns!
Syncthing
Ganz anders als die Nextcloud funktioniert Syncthing. Syncthing ist nämlich gar keine Cloud, sondern einfach eine App, mit denen du Dateien zwischen deinen Geräten synchronisieren kannst. Wenn du Syncthing auf deinem PC und deinem Smartphone installierst und beide Geräte miteinander koppelst, dann kannst du lokale Ordner für das jeweils andere Gerät freigeben. Die Dateien werden dann direkt von dem einen Gerät auf das andere kopiert – und umgekehrt. Die Dateien werden nirgendwo auf einem externen Server oder ähnlichem zwischengespeichert.
Auch hier hat Mike Kuketz wieder eine sehr umfangreiche Anleitung zur Installation und Einrichtung verfasst, die ich dir sehr gut als Einstieg empfehlen kann.
Heimspeicher
Als dritte Option bietet sich noch der eigene Heimspeicher, das sogenannte NAS (Network Attached Storage) an. So betreibst du quasi deinen eigenen Server zuhause. Das kann entweder auf einem älteren Computer sein, der für Desktop-Arbeiten etwas zu langsam geworden ist, auf einem speziellen NAS-Rechner (z.B. von Synology, QNAP oder Ugreen) oder auf einem Ein-Platinen-Computer wie einem Raspberry Pi oder – wie bei mir – einem Odroid HC4. Mein Hardware-Setup ist dabei sehr ähnlich zu dem, wie es auf GNU/Linux.ch beschrieben wird.
Als Software nutze ich jedoch openmediavault. Diese Lösung ist Open Source Software und basiert auf Debian Linux. Neben dem einfachen Bereitstellen von Netzwerkspeicher für diverse Geräte kannst du über sogenannte Docker-Container wiederum auch Syncthing und sogar Nextcloud installieren und nutzen. Das Ganze braucht dann aber schon etwas Einarbeitungszeit und vor allem -willen und ist daher eher nicht für Anfänger:innen das Richtige. Wenn du dich aber daran wagen möchtest, dann kann ich dir die Videos von DB Tech empfehlen, z.B. dieses hier.
Dein Verhalten in der Cloud
So, nun kennst du ein paar tolle Alternativen zu den «einfachen» Cloud-Lösungen der Big-Tech-Konzerne. Was wir uns aber noch anschauen sollten, ist dein Verhalten in bzw. dein Verhältnis zur Cloud. Zuallererst solltest du dir die Frage stellen, wozu du die Cloud eigentlich nutzen möchtest. Denn eines muss ganz deutlich gesagt werden:
Eine Cloud ist kein Backup!
Ein Backup solltest du von deinen wichtigen Daten auf allen Geräten machen, ganz klar. Das Speichern von Dateien in einer Cloud ist aber kein solches Backup. Denn wenn du Dateien (aus Versehen) auf einem Gerät löschst, wird auch dieses Löschen synchronisiert. Deine Dateien sind also auf allen Geräten und in der Cloud weg. Und wenn der Cloudanbieter seinen Service einstellt oder dieser gehackt wird, dann kann auch alles weg sein. Keine gute Idee! Für Backups brauchst du also eine andere Lösung.
Deine Dateien auf mehreren Geräten
Wenn du auf einige deiner Dateien von mehreren Geräten aus zugreifen möchtest, dann kann eine der oben genannten Lösungen die Richtige für dich sein. Wenn du z.B. deine Passwort-Datenbank sowohl auf deinem Computer als auch auf deinem Smartphone nutzen möchtest, dann kann dir eine Synchronisation wie von Mike Kuketz beschrieben helfen. Auch eine Synchronisation von deinen Kalendern, Kontaktlisten oder Notizen kann sehr sinnvoll sein. Für diesen Anwendungsfall könnte eine lokale Lösung mit Syncthing optimal sein.
Mit mehreren Personen Dateien teilen
Ein anderer Anwendungsfall ist die Kollaboration, also die Bearbeitung von Dateien mit mehreren Personen. So passiert es sehr häufig im Berufsalltag oder im Verein. Auch wir bei Digitales Empowerment bearbeiten teilweise die gleichen Dateien und nutzen dafür unsere Nextcloud-Instanz. Und schliesslich willst du vielleicht manche Dateien auch einfach anderen zur Verfügung stellen, dass sie sie betrachten oder herunterladen können. Auch hierfür eignet sich z.B. die Nextcloud.
Die Cloud und die Nachhaltigkeit
Bei alldem solltest du dir aber bewusst sein, dass das Duplizieren und Synchronisieren von Dateien immer auch Ressourcen braucht. Wenn Dateien an zwei, drei oder mehr Orten abgespeichert werden, dann braucht es eben auch die zwei-, drei- oder entsprechend vielfache Menge an Speicher. Darüber hinaus müssen die Daten ja auch von dem einen Ort zum anderen gelangen und es muss immer wieder geprüft werden, ob sich an der ein oder anderen Stelle etwas geändert hat. Das ist Rechenaufwand, der wiederum Ressourcen (hauptsächlich Strom) braucht. Überlege dir also im Voraus gut, welche Dateien du wirklich mit mehreren Geräten bearbeiten möchtest und welche du mit anderen Personen teilen möchtest. Lass alles, was du nur lokal brauchst auch nur auf deinem Gerät – und mache davon ein Backup! 😉
Fazit
Du siehst, es gibt fernab der vorinstallierten, voreingestellten Clouds der Big-Tech-Unternehmen auch freie Software-Lösungen, mit denen du ebenfalls sehr viel machen kannst. Das Selbst-Hosten einer Nextcloud-Instanz gibt dir die grösste Freiheit, bringt aber auch die meiste Arbeit mit sich. Für Anfänger:innen, die sofort auf eine Alternative wechseln möchten, empfehle ich daher folgendes:
- Schaue, was du aktuell in der Cloud hast und überlege nochmals ganz genau, was du dort auch brauchst.
- Such dir in der Partnerliste bei Nextcloud ein passendes Unternehmen und wechsle mit den nötigen Daten dorthin.
- Der Rest der Dateien bleibt lokal. Mache von allen Dateien (auch von denen auf der Cloud!) regelmässig ein Backup.
Mit den Schritten bist du schon ein gutes Stück weiter auf dem Weg in dein freies und selbstbestimmtes digitales Leben. Gratuliere! Wenn du dann noch Lust hast, schau dir die Nextcloud noch genauer an – es ist damit sehr viel möglich. Und vielleicht hast du ja Lust Syncthing für die Synchronisation zwischen deiner Geräte auszuprobieren. Falls du Probleme hast, schau dir gerne die verlinkten Quellen an, komme zu einer unserer Veranstaltungen oder melde dich bei uns.

